Lebenstürme zur Unterstützung der Artenvielfalt

Schlag auf Schlag gehen Planungen zu den Ideen aus dem Klimabeirat bei der Stadt ein

Und wöchentlich grüßt der Klimabeirat. Seit der letzten öffentlichen Sitzung des Klimabeirats gehen zu Bürgermeisterin Susanne Widmaiers Begeisterung mit wunderbarer Regelmäßigkeit Konzeptionen und Machbarkeitsstudien zu den dort eingebrachten Ideen bei ihr ein. Das zeigt: Klimaschutz liegt nicht nur der Stadtverwaltung, sondern auch den Bürgerinnen und Bürgern sehr am Herzen. Wie letzte Woche angekündigt, wollen wir heute über den Stand der Dinge bei dem Projekt Lebenstürme berichten, das Anne und Jürgen Gunter angeregt hatten.

„Wer den Wert der Biodiversität kennt, will etwas für sie tun“, sagt Jürgen Gunter. Die Frage sei was und wie. Bei einem Urlaub an der Mosel hatten er und seine Frau Anne Holzkonstruktionen gesehen, die einem Insektenhotel ähnelten, aber deutlich größer waren und Lebensraum für viele verschiedene Arten zu bieten schienen. Begeistert berichteten sie beim Klimabeirat davon und regten an, solche besseren Insektenhotels auch in Rutesheim zu errichten. Sie erklärten sich bereit, mit den Verantwortlichen des Projektes „Lebendige Moselweinberge“ Kontakt aufnehmen, um mehr darüber zu erfahren. Das ist mittlerweile geschehen und die beiden berichteten Susanne Widmaier von den Ergebnissen ihrer Nachforschungen.

Ein Lebensturm sei im Prinzip ein Insektenhotel, das dreidimensional und höher ist, erzählen die Gunters. Ein Luxusresort für Kleinstlebewesen quasi, das vom Boden bis zum Dach Lebensraum nicht nur für Wildbienen, sondern auch für viele andere Insekten, Kleinsäuger, Reptilien, Schnecken und Co bietet. An der Mosel wurden bereits viele Insektenhotels als Lebenstürme umgesetzt und Landespfleger Carsten Neß von der DLR Mosel teilte gerne seine Erfahrungen.

„Der Kreativität seien hier prinzipiell keine Grenzen gesetzt“, berichten die Gunters. Carsten Neß habe jedoch darauf hingewiesen, dass die Lebensraumelemente für die Zielgruppen erreichbar sein müssen. Daher brauche ein Lebensturm mehr Platz als nur die Standfläche. Auch das Umfeld müsse entsprechend so gewählt werden, dass zum Beispiel Wildblumenwiesen, Gärten, Streuobstwiesen und andere Futterquellen vorhanden seien. Erst die Kombination bilde ein Biotop, das die Artenvielfalt garantieren könne.

Damit hat Carsten Neß auch bereits teilweise die Bedenken adressiert, die Jürgen Khuen aus Rutesheim ausgesprochen hatte (wir berichteten). Der kommunale Baum- und Fachwart für Obst und Garten hatte bei einer Waldbegehung mit Bürgermeisterin Susanne Widmaier und Erstem Beigeordneten Martin Killinger eingewandt, dass solche Hotels seiner Ansicht nach von den Tieren häufig gar nicht benutzt würden. Er setze vielmehr auf blühende Wiesen und üppige Wälder. „Insekten haben ganz spezifische Anforderungen für ihren Lebensraum und ihre Nahrung“, so Khuen. „Wildbienen beispielsweise suchen abgestorbenes Holz und abgestorbene Bäume“, weiß der Rutesheimer.

„Die Antwort muss kein Entweder-Oder sein“, so Bürgermeisterin Susanne Widmaier. „Wir sollten beides schaffen und erhalten, Nahrungsquellen wie permanente Blühwiesen, Gärten und Streuobstwiesen und neue Lebensräume wie die Lebenstürme, am besten in Kombination, wie es Herr Neß beschreibt.“ Dieser ging auch auf den zweiten Einwand Khuens ein, Insektenhotels würden mitunter gar Gefahren bergen, wenn beispielsweise falsches Material benutzt werde. Der Kritikpunkt, Insektenhotels würde die Flügel von Wildbienen schädigen, sei berechtigt, wenn nicht sauber oder mit falschen Materialien gearbeitet werde. Bohrungen sollten mit scharfem Werkzeug in Hartholz vorgenommen werden, um ausgefranste Löcher zu vermeiden, zitieren die Gunters Neß’ Rat. Darüber hinaus bestehe die Möglichkeit, Behausungen auf Lehmbasis herzustellen.

Um beiden Punkten gerecht zu werden, sei es wichtig, sorgfältig zu planen, so Anne und Jürgen Gunter. Die Wahl des Standortes will genau überlegt sein. Er soll den Anforderungen der potentiellen Bewohner bezüglich naher Futterquellen und natürlicher Habitate genügen, aber auch gut erreichbar sein für Menschen. Auch die Wahl der Materialien und deren Herkunft muss gut durchdacht werden.

Wie sieht der fertige Bauplan aus? Wann geht es los? Wer unterstützt die Gewerke, die für den Bau und die Errichtung eines Lebensturmes nötig sind? Welche Menschen und Gruppen könnten bei der Planung und Umsetzung eingebunden werden? Wie kommuniziere ich das Projekt mit Nachbarn, Gästen, Schulen? Wer pflegt und wartet den Lebensturm nach Fertigstellung? Die Liste der offenen Fragen ist lang. „Die Umsetzung wird nur gelingen, wenn wir es schaffen, Mitbürger, Vereine wie zum Beispiel den Obst- und Gartenbauverein, den CVJM etc. oder auch Schulen für das Projekt zu begeistern“, so die Gunters.

Gelingt das aber und berücksichtigt man die genannten Hinweise zu den Standorten und zur sorgfältigen Bearbeitung und Wahl der Materialien, bieten die Lebenstürme eine ganze Reihe von Vorteilen, nicht nur für die verschiedensten Lebewesen, die darin ein Zuhause finden können, sondern auch darüber hinaus, sind sich Carsten Neß und die Gunters sicher. Die Lebenstürme setzen ein Zeichen für biologische Vielfalt und können Trittsteinbiotope in der Landschaft sein. Und zudem laden sie zum Beobachten der Insekten ein und führen so Spaziergänger, aber auch Schulklassen oder Kindergartengruppen an den Natur- und Artenschutz heran. „Neben dem Erhalt der Biodiversität sollten auch der Erlebniswert und der pädagogische Nutzen nicht unterschätzt werden“, so die beiden Projektpaten.

Wer sich in irgendeiner Form in Sachen Lebenstürme einbringen möchte, kann sich gerne bei Anne und Jürgen Gunter melden. E-Mail: juergen@familie-gunter.de oder anne@familie-gunter.de

Zu sehen ist ein aus Holz, Stein, Tontöpfen und anderen Materialien gebautes Insektenhotel.